EIN AUSFLUG IN DIE UKRAINE - VÝLET NA UKRAJINU

...an einen Ort, den kaum einer von uns besucht hat, obwohl er uns viel näher ist als New York oder Machu Picchu. Irena Šťastná, eine Lyrikerin aus Opava (Troppau), führt uns mit ihrem Gedicht nach Lviv (Lemberg), in eine Stadt, die einst ein wichtiges slawisch-jüdisch-österreichisches Kulturzentrum war. Bei mir entstehen dabei Fragen nach der Zugehörigkeit, dem Begriff der "Exotik" und den Peripetien der Geschichte... Viel Vergnügen beim Lesen!
Klára
4. April 2017

...do míst, která málokdo z nás navštívil, ačkoliv jsou nám mnohem bližší než New York nebo Machu Picchu. Irena Šťastná, básnířka z Opavy, nás ve své básni zavede do Lvova, města, které kdysi bývalo významným střediskem slovansko-židovsko-rakouské kultury. Báseň ve mně vyvolává otázky po příslušnosti, po pojmu "exotiky" a peripetiích dějin... Přeji příjemné počtení!
Klára
4. dubna 2017


Ve Lvově

Paní v tvrdých gumákách
vdechuje čáru mlhy při zemi.
S konví mléka na řidítkách kola
šlape přímočaře. Od rozednění.
Na tržiště po čtveřici schodů
ven nevedou dokud neprodá.

Chytne malé místo vedle paní
smějící se horní dásní
v pytlích fazole česnek
pohanku rozinky.
Na trhu v semknutí
okolo dunivého města.

Zevnitř nevymytá váza
na kraji stolu v kuchyni čeká.
Až řetěz kola místo růžence
odečte zbývající hodiny soumrakem.
Usedne ztěžka. Vzdychne.
Až do noci mlčí s vázou.

©Irena Šťastná


In Lemberg

Eine Frau in harten Gummistiefeln
atmet den Nebelstreifen nahe dem Boden ein.
Mit der Milchkanne auf der Lenkstange
tritt sie geradeaus. Seit der Morgendämmerung.
Zum Markt auf vier Treppenstufen die nicht hinausführen
bis sie nicht verkauft hat.

Sie erwischt einen engen Platz neben der Frau
die mit dem oberen Zahnfleisch lacht
in den Säcken Bohnen Knoblauch
Buchweizen Rosinen.
Auf dem Markt zusammengedrängt
um die tosende Stadt.

Innen die ungespülte Vase
wartet am Tischrand in der Küche.
Bis die Fahrradkette anstelle eines Rosenkranzes
die letzten Stunden vor der Abenddämmerung abgezählt hat.
Sie setzt sich schwer hin. Stöhnt.
Bis in die Nacht schweigt sie mit der Vase.

©Irena Šťastná

29.3.17 15:05

Letzte Einträge: LÁSKA POD KAŠTANY - LIEBE UNTER DEN KASTANIEN , AM RANDE DER REPUBLIK - NA OKRAJI REPUBLIKY, KDYŽ JE VENKU CHLADNO - WENN ES DRAUSSEN KALT WIRD, SICH ZEIT NEHMEN - DÁT SI NA ČAS, UŽ JE ZASE ČAS - ES IST WIEDER ZEIT

bisher 7 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Ingeborg Brenne-Markner (4.4.17 12:53)
Bei mir entstehen archaische Bilder von erntenden Frauen, wie sie früh am Morgen ihre Waren auf stundenlangem Weg zum Markt tragen und ihn erst wieder verlassen, wenn sie möglichst alles verkauft haben. Dann der ebenso lange Weg wieder zurück nach Hause, bis in die Nacht hinein. Da bleibt keine Zeit und keine Kraft für ein Gebet. Das Abzählen der Perlen des Rosenkranzes wird ersetzt durch die vielen Tritte in den harten Stiefeln auf dem Fahrrad, die die Kette sich drehen lassen. Zu Hause schlafen alle schon und sie sitzt völlig erschöpft (leer) und allein neben der leeren Vase, die niemand vielleicht zur Begrüßung mit Blumen gefüllt hat. Mir gefällt das Gedicht sehr.


(4.4.17 13:36)
Danke!


Christa Amend-B. (5.4.17 10:49)
Körperliche Arbeit in der Landwirtschaft, Milchtransport zum Markt ohne Auto/Traktor, Herumsitzen, bis die Ware verkauft ist - kontrastiv zum "tosenden" Lemberg. Und dann (wieder?) trostlose Einsamkeit daheim.
Lebt die Frau heute - gleichzeitig mit mir? Eine alte/ältere Frau wie ich? In Europa, an der Grenze zu EU-Polen?
Die Einsamkeit am Ende verstört mich am meisten.
Das Gedicht hat mich beeindruckt, auch in der sprachlich ausladenderen Überetzung, wie man rein optisch vermuten kann.


poemataclara (5.4.17 11:59)
Liebe Christel, die Frau lebt mit Sicherheit in der heutigen Zeit (ich weiß, dass die Lyrikerin vor kurzem Lemberg besuchte). Wahrscheinlich sieht sie älter aus und ist jünger als man denkt (das ist jetzt meine Vermutung...). Ja, die Einsamkeit am Ende ist sehr verstörend. Man kann sich ihr Leben voller Arbeit und Einsamkeit gut vorstellen.
Das "Ausladende" an der Übersetzung liegt einfach an der Beschaffenheit der beiden Sprachen: das Tschechische hat keine Artikel, die Texte sind also immer etwas kürzer als die deutschen.


Schenk Sylvie (5.4.17 12:49)
ein starkes, existentielles Gedicht. Danke, Syvie


poemataclara (5.4.17 12:51)
Danke, ich werde es der Lyrikerin ausrichten.


Eva (7.4.17 18:53)
Ein dunkles , aber sehr stringentes und berührendes Gedicht, welches mich an meine Tante vom Niederrhein erinnert, sie lebt noch...